100 Jahre Little Wars

Wargamer und Figurenliebhaber suchen immer wieder mal nach den "historischen" Wurzeln ihres Hobbys. Die derzeit aktuellste  geschichtliche Landmarke ist das vor genau hundert Jahren, also 1913, erschienene Buch "Little Wars" des berühmten Science-Fiction Autors H.G.Wells.

Die angelsächsische Wargamer-Gemeinde feiert derzeit dieses Jahr als das Geburtsjahr und H.G.Wells auch gleich als den "Vater des Wargamings". Wir werden deshalb natürlich auch hier mal ein Blick darauf werfen. Zumal das Thema "Classic Toy Soldiers" sowieso ganz auf meiner Wellenlänge liegt.

Auf den ersten Blick wundert man sich, das H.G.Wells zuvor erschienenes Buch "Floor Games" aus dem Jahr 1911 bei der Berechnung des Jubiläums scheinbar ignoriert wird, obwohl auch in diesem u.a. das Figurenspiel thematisiert wird. Das selbe gilt für "Stevenson at Play", ein kleiner Essay aus dem Nachlass des Autors Robert Louis Stevenson, das dessen Stiefsohn bereits 1898 nach dem Tode des Autors veröffentlichte. Doch beide Werke enthalten tatsächliches kein "formales" Regelwerk für das Figurenspiel. Und das Anfang des 19. Jahrhunderts - also fast hundert Jahre vorher - für den preussischen König entwickelte "Kriegsspiel", das bald darauf zur Pflichtübung für preussische Offiziere wurde, benutzte noch keine Figuren sondern nur Geländeteile und Markersteine.

Das Figurenspiel ist natürlich wesentlich älter, aber in Bezug auf das durch Regeln gestützte Wargaming haben wir hier wohl tatsächlich so eine Art Jubiläum zu feiern. Und sogar der Monat stimmt, denn die erste gedruckte Ausgabe erschien im Juli 1913.

Und doch....jetzt haben alle auf das Jubiläum gewartet (oder?) und jetzt stellte sich kürzlich heraus, das eine erste teilweise Version von Little Wars bereits im Dezember 1912 und Januar 1913 im "Windsor Magazine" abgedruckt worden war. Naja, knapp daneben ist auch vorbei. Aber lassen wir das, rund hundert Jahre ist schon eine Hausnummer.

I dreamt first of states and cities and political things when I was a little boy in knickerbockers.

Interessanterweise scheinen die Figuren H.G.Wells schon lange beschäftigt zu haben. Ab 1910 veröffentlichte er den Roman "The New Machiavelli" als Serie in der Zeitschrift "The English Review". In diesem Roman schreibt Wells offensichtlich stark autobiographisch.

Die darin enthaltene lange Passage über Spielzeugsoldaten und damit verbundenen Phantasiespiele spricht angesichts der später veröffentlichten Spielbücher eine deutliche Sprache. Mr. Wells erzählt sehr lang und gefühlvoll über die Kindheitserinnerungen seines Protagonisten, der sich daran erinnert, wie er als Junge mit Spielzeugsoldaten und allen möglichen Hilfmitteln (Bücher, Holzklötzchen,  .......) Kriegs- und Abenteuerspiele gespielt hat.

  Zitate:
It is the floor I think of chiefly; over the oilcloth of which, assumed to be land, spread towns and villages and forts of wooden bricks; there are steep square hills (geologically, volumes of Orr's CYCLOPAEDIA OF THE SCIENCES) and the cracks and spaces of the floor and the bare brown surround were the water channels and open sea of that continent of mine.
 
I could build whole towns with streets and houses and churches and citadels; I could bridge every gap in the oilcloth and make causeways over crumpled spaces (which I feigned to be morasses), and on a keel of whole bricks it was possible to construct ships to push over the high seas to the remotest port in the room.
 
I still remember with infinite gratitude the great-uncle to whom I owe my bricks. He must have been one of those rare adults who have not forgotten the chagrins and dreams of childhood.
 
My mother did not understand my games, but my father did. He wore bright-coloured socks and carpet slippers when he was indoors--my mother disliked boots in the house--and he would sit down on my little chair and survey the microcosm on the floor with admirable understanding and sympathy.

Liest man die Beschreibung dieser Spiele und Fantasien aus der Kinderzeit des Romanhelden, entdeckt man, das dieser Text eine ziemliche Ähnlichkeit mit dem Spiel hat, das Wells auch als Erwachsener noch gespielt hat und das er ja in seinem Buch beschreibt. Die unten gezeigten Zeichnung aus dem Jahr 1913 illustriert das Ganze sehr deutlich.

 

H.G.WELLS, THE ENGLISH NOVELIST PLAYING AN INDOOR WARGAME (Quelle : Zeichnung von S. Begg in Illustrated London News, 25 Januar 1913)

Begleittext :
Mr. Wells has developed his game so that the country over which the campaign is to be fought is laid out in any desired manner, with the aid of branches of shrubs as trees, with cardboard bridges, rocks, chalked-out rivers, streams and fords, cardboard forts, barracks, houses, and what not; there are employed leaden infantrymen and cavalrymen, and guns firing wooden cylinders about an inch long, capable of hitting a toy soldiers nine times out of ten at a distance of nine yards, and having a screw adjustment for elevation and depression. There are strict rules governing the combat. Before the battle begins, the country is divided by the drawing of a curtain across it for a short time, so that the general of each opposing army may dispose of his forces without the enemy's being aware of that disposition. Then the curtains are drawn back and the campaign begins. All moves of men and guns are timed. An infantryman moves not more than a foot at a time, a cavalryman not more than two feet, and a gun, according to whether cavalry or infantry are with it, from one to two feet. Mr. Wells is seen on the left of the drawing, taking a measurement with a length of string, to determine the distance some of his forces may move. On the right and left are seen the curtains for dividing the country before beginning the game.

 

Und zu unserem Glück gabs damals schon die Fotografie und in Little Wars sind einige Fotos von Well´s Spielen enthalten.



Die Regeln von Little Wars haben zwar wenig Ähnlichkeit mit den - meiner Ansicht nach - ohnehin oft völlig überkomplizierten modernen Regelwerken, haben aber trotzdem wohl ihre Spuren hinterlassen. Gary Gygax z.B. , einer der beiden Erfinder des Fantasy Rollenspiels "Dungeons & Dragons", hat in der Einführung zu einer Neuauflage des Buches im Jahr 2004 erwähnt, das er bei der Entwicklung seiner Regelwerke von Little Wars beeinflusst wurde. Und was Dungeons & Dragons wiederum für andere Figurenspiele, Rollen- und Computerspiele bedeutet hat, dürfte bekannt sein.

Heute wird Little Wars - wie man im Netz finden kann - immer mal wieder gespielt. Gerade die "Battle at Hooks-Farm", das Beispiel-Szenario aus Litte Wars, reizt die Wargamer immer wieder zur Nachahmung. Natürlich wirken die damals benutzten Regeln heute wirklich antiquiert, aber gerade der Retro-Style reizt sicher viele. Und angesichts einer enormen Schwemme sich immer wieder sehr ähnlichen Regelwerken sicher auch das Ausprobieren ganz anderer Ansätze.

Das in Little Wars überhaupt nicht gewürfel wird und die Artillerie in diesem Spiel Treffer erzeugt, indem man mit funktionsfähigen Kanonen und kleinen Holzstückchen schießt (oder Ersatzweise mit etwas wirft) hat natürlich auch seinen Reiz - zumindest wirkt es nicht so bierernst wie andere Strategiespiele.

H.G.Wells war übrigens - trotz seiner Liebe zu Spielzeugsoldaten - ein Pazifist. Im letzten Abschnitt seines Buches empfiehlt er all jenen, die allzu leichtfertig nach dem Krieg rufen, ihr Mütchen am Figurenspiel abzukühlen und den Rest der Welt zu verschonen.

...and so I offer my game, for a particular as well as a general end; and let us put this prancing monarch and that silly scare-monger, and these excitable "patriots," and those adventurers, and all the practitioners of Welt Politik, into one vast Temple of War, with cork carpets everywhere, and plenty of little trees and little houses to knock down, and cities and fortresses, and unlimited soldiers—tons, cellars-full—and let them lead their own lives there away from us.

Und er warnt, das Krieg in der heutigen (also seiner) Zeit viel zu gefährlich wäre, um überhaupt noch in Betracht zu kommen. Damit bewies er angesichts des kurz darauf folgenden Ersten Weltkrieges mehr Weitsicht und Einsicht, als die verantwortlichen Politiker.

Great War is at present, I am convinced, not only the most expensive game in the universe, but it is a game out of all proportion. Not only are the masses of men and material and suffering and inconvenience too monstrously big for reason, but—the available heads we have for it, are too small. That, I think, is the most pacific realisation conceivable, and Little War brings you to it as nothing else but Great War can do.
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